Protokoll: Innovation & Wettbewerb

Ist Innovation in der Lage unseren Lebensstandard und unser Wachstum zu sichern zu sichern?
Ein (erster) deutsch-französische Dialog des Institut français in Deutschland und der Bertelsmann Stiftung, in München.

Interview der Referenten


Debatten werden interessant, wenn sie vermeintlich sichere Annahmen erschüttert. Beim ersten deutsch-französischen Dialog des Institut français und der Bertelsmann Stiftung in München passierte das in dem Moment, in dem Jean-Hervé Lorenzi sagte: „Wir Europäer haben doch immer geglaubt, dass wir an der Spitze der Innovatoren stehen. Das aber ist heute längst nicht mehr sicher!“

Und dann nahm der Professor für Wirtschaftswissenschaften der Universität Paris X-Dauphine das europäische Selbstbild auseinander: Forscher, Erfinder und Produzenten in anderen Winkeln der Erde holten enorm auf. Folglich könnten sich die Europäer nicht mehr darauf verlassen, dass ihre Technologie auch künftig wie selbstverständlich zu den besten der Welt gehören wird. „Zudem hat unsere Produktivität in den vergangenen zehn Jahren stark nachgelassen“ so Lorenzi. Der Spezialist für Innovation findet das alles sehr gefährlich, denn er ist ganz sicher: Nur durch Spitzentechnologie und exzellente Forschung werden wir in der Lage sein, unseren Lebensstandard und unser Wachstum auch künftig zu sichern.

Wie hängen Wachstum, Wohlstand und Innovation zusammen? Das war die Leitfrage, um die sich der Münchner Dialog drehte. Dabei sollten gleichzeitig auch die Begriffe selbst geklärt werden. Schließlich werden alle drei heute sehr unterschiedlich interpretiert. So nimmt sowohl in Deutschland als auch in Frankreich die Debatte über den Sinn von Wirtschaftswachstum zu: Brauchen wir es noch? Und wenn ja, welches? Ähnliches gilt für den Wohlstand: Ist die klassische Messung des Wohlstandes von Nationen durch das Bruttosozialprodukt noch zeitgemäß? Wie viel hat er in modernen Zeiten noch mit Lebensqualität zu tun? Selbst über den Begriff der „Innovation“ wird gestritten: Was ist das Neue, das unsere Gesellschaften brauchen? Ein neues Produkt, eine Erfindung oder gar die Veränderung der Gesellschaft selbst, neue Haltungen und moderne Politik?

Zumindest ein Konsens war in München jedenfalls schnell gefunden. Wie Professor Lorenzi war sich auch sein deutscher Debattenpartner Dietmar Harhoff, Wirtschaftswissenschaftler der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität sicher: NUR durch Innovation werden wir den Wohlstand unserer Gesellschaft erhalten können – egal wie wir Letzteres messen. Dabei gilt als Innovation für den deutschen Professor all das, was die Wertschöpfung der Gesellschaft steigen lasst.

Damit das auch künftig klappt, wünscht sich der Ökonom ein europäisches „Man-zum-Mond“ Projekt. Mit dem Traum, den ersten Menschen auf den Mond zu schicken, habe der amerikanische Präsident John F. Kennedy einst die Amerikaner mobilisiert. Warum nicht Ähnliches für Europa träumen? Es gebe doch noch so viel zu erforschen und entdecken, bei der Gesundheit, der Energiegewinnung, der Mobilität, der Sicherheit oder der Kommunikation. Allein um die Energiewende und den Atomausstieg in Deutschland zu schaffen und uns künftig umweltfreundlich mit der nötigen Energie zu versorgen, bräuchten wir viele neue Ideen und Produkte. „Ärmel hochkrempeln“, wünschte sich Harhoff von den Europäern und zwar von jedem einzelnen: Viel zu sehr verließen wir uns auf eine „top down“, eine von Oben nach Unten verordnete Innovationspolitik. Sowohl die Energiewende als auch die Elektromobilität seien da schlagende Beispiele. Beide würden von der Politik quasi angeordnet. Beiden fehlten aber die überzeugenden Konzepte zur Umsetzung, die Ergänzung von Unten. Deutschland brauche viel mehr Förderung des „bottom up“, der Innovationen, die im Kleinen entstehen.

Sein französischer Kollege konnte da nur nicken. Und er weitete den Apell sogar aus: Insgesamt bräuchten DIE Europäer eine neue Fortschrittskultur. Mehr „Lust auf Wissenschaft“! Darauf „Neues“ zu schaffen. Wo habe es denn in den vergangen Jahren die bahnbrechenden Durchbrüche im Automobilsektor gegeben? Warum fehle es an Innovationen im Nahrungsmittelbereich, warum ernährten wir die sieben Milliarden Menschen immer noch nicht? Und dann ergänzte Lorenzi sein Plädoyer noch durch eine Bemerkung, die so gar nicht dem deutschen Klischee entspricht, das Franzosen gern als Verfechter einer staatlich gelenkten Wirtschaft sieht. Denn der französische Ökonom sagte: Nicht von oben könne die nötige Innovation kommen. Nur die „vielen kleinen Unternehmen werden es schaffen.“

Doch der deutsch-französische Konsens ging noch weiter. Wachstumskritische Worte, Kulturpessimismus oder auch nur sanfte Kritik am Fortschrittsglauben wollten beide Professoren nicht formulieren. Dass das Neue nicht besser und das Wachstum möglicherweise nicht immer nur gut sein kann, auch dieser Gedanke fand an diesem Abend keine Anhänger. Auf die Frage, welchen Fortschritt wir eigentlich wollen, antwortete Jean-Hervé Lorenzi trocken: Wir bräuchten eine gesellschaftliches Klima, dass die Neugierde, die Freude am Neuen und die Entdecker fördert.

Wer das schaffen kann? Auch da waren sich beide Wissenschaftler einig: Die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Beide wünschen sich, dass durch staatlich Programme, Förderung von Forschung und Entwicklung ein Klima entsteht, das die „Lust auf die Wissenschaft“ weckt. Und beide sehen sich in zugleich in der Tradition des österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter, der die ökonomische Entwicklung von Ländern als einen Prozess der schöpferischen Zerstörung beschrieben hat. Altes wird durch Neues, Besseres kreativ verdrängt.

Mal sehen, was das für den nächsten Dialog bedeutet.

Petra Pinzler

 

 

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