Ethik und Kapitalismus – Protokoll von Johannes Wetzel

Wenn eine deutsch-französische Debatte zwischen Patrick Savidan, Professor für Philosophie in Poitiers, und Gerhard Minnameier, Professor für Wirtschaftsethik in Frankfurt am Main, zum Thema „Ethik und Kapitalismus“ ausgerechnet in dieser Bankenmetropole stattfindet, dann muss es um „Finanzmarktkapitalismus“ gehen. Den Banken wird vorgeworfen, die Weltwirtschaft vergiftet, eine Banken- und eine Staatsschuldenkrise provoziert, sich mit Steuergeldern saniert und an die Verantwortlichen gewaltige Managergehälter und Boni gezahlt zu haben. Von „Raubtierkapitalismus“ ohne Moral ist die Rede. Aber sind ethische Forderungen in der Wirtschaft nicht ebenso fehl am Platz wie im Tierreich?

 2009, ein Jahr nach der Lehman-Krise, hielt der damalige Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, Josef Ackermann, an der Evangelischen Akademie Bad Tutzing einen Vortrag zum Thema: „Profit und Moral – ein Zielkonflikt ?“ Für Josef Ackermann war die Antwort eindeutig: Der Gewinn sei die “ganz zentrale Lösung”, um Ansprüche von Kunden, Mitarbeitern, Aktionären sowie der Gesellschaft und des Staates gleichermaßen zu befriedigen: „In den Nachkriegsjahrzehnten bis in die 1970er Jahre hinein war das Versprechen der Marktwirtschaft, durch freien Wettbewerb der Individuen und Unternehmen Wohlstand für alle zu schaffen, weithin anerkannt. Erfolgreiche Unternehmer genossen großes Ansehen. Mehrheitlich galt: Was gut ist für die Unternehmen im Land, ist auch gut für das Land.“

 Und damit sind wir auch beim Titel dieser Veranstaltungsreihe: „Wachstum und/oder Wohlstand?“ Denn der berechtigte Zweifel der Banker, ob das Versprechen der Marktwirtschaft noch glaubwürdig klingt, entstand nicht erst aus Finanzkrise, sondern seit den siebziger Jahren – der Bericht des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ stammt aus dem Jahre 1972 – auch mit dem wachsenden Zweifel an Wirtschaftswachstum als der entscheidenden Grundlage von Wohlstand oder gar Glück. In den vergangenen vierzig Jahren war diese Skepsis mal stärker, mal weniger stark zu spüren. 2009 wurde sie erneut im Bericht einer Kommission von Wirtschaftsexperten unter Vorsitz des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz formuliert, von der sich Institut français und Bertelsmann-Stiftung zu dieser Veranstaltungsreihe anregen ließen. Die Kommission, die der damalige französische Staatspräsident Sarkozy einberufen hatte, dachte darüber nach, ob die Messung des Wohlstands am Bruttoinlandsprodukt der ideale oder alleinige Maßstab politischen Handelns sein könne. Die Kommission stellte fest, es sei an der Zeit, „von der Messung der Produktion zur Messung des Wohlbefindens der Menschen zu wechseln.“

Die Erosion des Vertrauens in die Wohltaten der Marktwirtschaft wurde von den überall schnell zunehmenden, immer krasseren Einkommensunterschieden und dem daraus entstehenden Gefühl der Benachteiligung und des Unglücklichseins befördert. Denn, so zeigen die Untersuchungen der Glücksforscher, die Zunahme des Wohlstands ist in westlichen Gesellschaften weniger  entscheidend als seine gerechte Verteilung. Die wachsende Skepsis hinterlässt seit den neunziger Jahren auch eine semantische Spur: Statt von „Marktwirtschaft“, so bestätigt Patrick Savidan,  ist auch in der wirtschaftswissenschaftlichen Debatte, aus der der Begriff spätestens in der Nachkriegszeit verschwunden war, zunehmend wieder von „Kapitalismus“ die Rede.

Der Begriff des Kapitalismus war, seit ihn die utopischen Sozialisten wie Proudhon und Blanqui als Kampfbegriff verwendeten, negativ konnotiert. Ursprünglich aber entstand der Begriff im Zusammenhang mit dem aufstrebenden Bürgertum und der beginnenden Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts. „Insofern hat der Kapitalismus von Anfang an moralische Implikationen“, so Gerhard Minnameier: Er ist mit dem bürgerlichen Kampf für Freiheit und Gleichheit und „letztlich der Entstehung der Demokratie“ verbunden: „Der Kapitalismus war Teil der bürgerlichen Emanzipation, die die Zwänge des Ständewesens überwindet, Platz für individuelle Initiative und Wettbewerb schafft, und jedem das Recht auf Streben nach Glück einräumt.“ Patrick Savidan unterstreicht, dass der Kapitalismus allerdings nicht Ausgangspunkt dieser Emanzipation ist, sondern vielmehr von ihr profitiert hat. Ausgangspunkt der Entwicklung seien philosophische Innovationen wie Descartes’ Entdeckung des Individuums – damit verbunden die Entdeckung des Gewissens und die Konstituierung des Individuums als Rechtssubjekt – oder der Liberalismus eines Benjamin Constant gewesen. An eine andere Quelle erinnert Gerhard Minnameier: Max Weber hat die Entstehung des Kapitalismus mit einer Ethik, der protestantischen Arbeitsethik, begründet. Patrick Savidan ergänzt, dass natürlich auch der Markt keine Erfindung des Kapitalismus ist. Vielmehr nütze er diese « natürliche » Einrichtung – und zerstöre sie teilweise, wie Fernand Braudel gezeigt habe, durch die Schaffung von Monopolen.

So entsteht der Kapitalismus als eine „wirtschaftliche und soziale Organisationsform“ (Savidan), gekennzeichnet dadurch, dass das „Eigentum am Produktivvermögen bei Privatpersonen liegt, und nicht beim Staat.“ (Minnameier). Kapital und Arbeit werden mit dem Ziel des maximalen Profits aufgrund von Effizienzgewinnen eingesetzt. Vom individuellen Profitstreben verspricht man sich mehr Wohlstand, ja mehr Glück für alle: Was Adam Smith in „Der Wohlstand der Nationen“ (1776) erklärte, gilt im Prinzip, so Minnameier, heute noch: „Profitstreben und die Möglichkeit, Gewinne zu machen, reizt zu der Kreativität, die wir brauchen, um effizienter zu produzieren, unsere Natur zu schützen, um glücklich zu leben. Die eingeflossene Energie wird vom Käufer entlohnt.“ „Wobei man sicher fragen muss, ob zum Beispiel Handys und iPads glücklich machen“, räumt Minnameier ein. „Ob Kapitalismus als die sich weltweit durchsetzende Wirtschaftsordnung mit wachsendem Wohlstand auch das Wohlbefinden oder Glück garantiert, muss unter den Gesichtspunkten von Umwelt, Nachhaltigkeit untersucht werden.“

Überdies gibt es den Kapitalismus und die Marktwirtschaft in Reinform nicht. Kapitalismus, so Minnameier, existiert in einer bestimmten, auch kulturell geprägten Rahmenordnung. Und spätestens mit dem Ende des absoluten „laisser – faire“ ist der Kapitalismus der Ordnungsfunktion des Staates unterworfen. Der Staat fördert in bestimmten Bereichen den Wettbewerb, begrenzt ihn in anderen, und steuert, wohin die Effizienzgewinne fließen. Patrick Savidan ergänzt: „Der Kapitalismus braucht den Staat. Einen Staat, der stark genug ist, um die Einhaltung der Verträge zu sichern. Zwar will der Kapitalismus den Staat zurückdrängen. Aber nie so weit, dass die Produktionsbedingungen in Gefahr geraten.“ In der Stärke und Akzeptanz des staatlichen Einflusses unterscheiden sich die Erscheinungsformen des Kapitalismus – etwa zwischen Europa und den USA.

Von Anfang an aber, so Savidan, habe es auch „Pathologien“ kapitalistischen Denkens gegeben, die schon Marx erkannt habe. Ein Teil des durch Arbeit produzierten Mehrwerts werde vom Kapital konfisziert. Und die „Pathologien“ hätten sich verschlimmert, seit dem Kapitalismus keine ernst zu nehmende Alternative mehr gegenüberstehe. Der Fall der Berliner Mauer markiere symbolisch den Moment, an dem der Kapitalismus triumphiert habe. Mit der Mauer scheinen – insbesondere auf dem Feld des Finanzkapitalismus – ethische und wirtschaftliche Hemmungen gefallen zu sein. Gefordert ist eine immer höhere Rendite in immer kürzerer Zeit. Josef Ackermann verteidigte 2009 „das von uns vor Jahren definierte Ziel von 25 Prozent Rendite auf das eingesetzte Eigenkapital, weil wir nur so die langfristige Existenz des Unternehmens sicherstellen können. Ich kann daher nicht erkennen, was an einer solchen Rendite unmoralisch sein soll. Ganz im

Gegenteil: Aus meiner Sicht war unser Kurs der einzig richtige, nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für die Gesellschaft, nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch moralisch.“

Patrick Savidan entgegnet: Solche Renditen sind nur bei extremem Wettbewerb und zulasten der Belegschaft, der Konkurrenten und darüber hinaus bestimmter Bevölkerungsschichten zu erreichen. Überdies wurde der erwirtschaftete Mehrwert seit Beginn der Neunziger Jahre zunehmend ungleich verteilt. Man brauche da nicht moralisch zu argumentieren: Eine solche Rendite sei dauerhaft nicht darstellbar. Josef Ackermanns Nachfolger halbierten im übrigen sein Renditeziel wenige Wochen nach der Frankfurter Diskussion auf zwölf Prozent.

Die folgenreichste „Pathologie“ ist für Savidan die zunehmende Ungleichheit, denn die Risiken des Systems lasteten stärker auf der Arbeit als auf dem Kapital. Die am stärksten benachteiligten Gesellschaftsschichten litten am meisten unter der Globalisierung. In einer immer individualistischeren Gesellschaft kämpfe jeder für sich und nur für die Verbesserung der eigenen Lage. Umfragen zeigten, dass immer weniger Menschen an einen kollektiven Fortschritt glaubten, wie dies bis in die Siebziger Jahre hinein der Fall gewesen sei. Dabei hätten Ökonomen wie der Nobelpreisträger Herbert Simon längst festgestellt, dass die Produktion von Reichtum zu neunzig Prozent ein sozialer, kollektiver Vorgang sei. Das zunehmende „Jeder für sich“ sei nicht nur moralisch kritisierbar: Es verkenne auch unsere Abhängigkeit voneinander.

Die „Effizienz“ des kapitalistischen Systems, mit der solche Fehlentwicklungen gerechtfertigt würden, sei im übrigen fragwürdig: Patrick Savidan erinnert an die zurückliegenden Krisen von 1994 in Mexiko, 1997 in Asien, 1998 in Russland, 2001 in Argentinien. Soziale oder ökologische Normen würden oft als Behinderung des Kapitalismus präsentiert. In Wahrheit müssten zur Bemessung der „Effizienz“ andere Kriterien wie Nachhaltigkeit angelegt werden. „Langfristig kann es effizienter sein, moralisch zu handeln. Kurzfristige Gewinnkalkulationen können in die Katastrophe führen: Was als effizient gilt, hängt auch immer vom Zeitpunkt der Bemessung ab.“

Auch Gerhard Minnameier weiß um die Schwächen des Kapitalismus. Der ideale Kapitalismus findet in der realen Wirtschaft nicht statt: “Es stimmt nicht, dass sich ohne jede Regulierung automatisch effiziente Produktionsverhältnisse einstellen“. Monopole etwa erlaubten es Unternehmen, ineffizient zu arbeiten. Das Vertrauen sei geschwunden, dass der effiziente Einsatz der Produktivkräfte automatisch zu Wohlstand und Glück führt. „Es gibt unerwünschte Entwicklungen im Bereich Umwelt und im Sozialen. Es gibt Unterschiede zwischen dem, was auf individueller Ebene sinnvoll oder was rein rechnerisch für irgendwelche Fondsmanager effizient ist, und dem gesellschaftlich Wünschenswerten. Effizienz ist für sich genommen neutral. Sie bedarf eines Ziels und der Lenkung.“

Unter den Spielarten des Kapitalismus bereitet der Finanzkapitalismus zweifellos die größten Sorgen. Gerhard Minnameier: „In den Medien heißt das Kasinokapitalismus: Da entstehen in bestimmten Nischen Effizienzen für bestimmte Gruppen, die sich gesamtwirtschaftlich als schädlich erweisen. Die Instrumente des Finanzkapitalismus sind zwar ursprünglich oft nützliche Erfindungen. So zum Beispiel die Instrumente zur Risikoabsicherung, die für viele Unternehmer wichtig ist. Sie brauchen eine Versicherung gegen Kreditausfälle. Und das ist sinnvoll. Aber leider können diese Instrumente auch zu reinen Spekulationszwecken genutzt werden. Sie können einer Volkswirtschaft großen Schaden zufügen, wenn zum Beispiel gegen bestimmte Länder gewettet wird. Über reinen Finanzkapitalismus werden keine neuen Werte geschaffen, dadurch werden keine iPads erfunden und keine umweltschützenden Maßnahmen. Da werden einfach nur Gelder umverteilt. Der Profit des einen ist der Schaden des anderen. Daraus ergibt sich kein gesellschaftlicher Fortschritt.“

Was tun? Wie also kann der Kapitalismus „moralisiert“ werden? Über die Art und Weise, wie diese Rahmenbedingungen zu ändern sind, gehen die Meinungen zwischen den beiden Diskussionsteilnehmern auseinander.

Das Spannungsverhältnis zwischen Ökonomie und Moral ist so alt wie wirtschaftliches Handeln. Minnameier erinnert dabei an Montaigne Essais. Und Niklas Luhmann soll gespottet haben, Wirtschaftsethik sei wie englische Küche: Beides gebe es nicht. Aber für den Wirtschaftsethiker Minnameier ist klar: Ethische Ansprüche im Bereich der Wirtschaft sind notwendig. Aber bevor man an die Moral appelliert, um wirtschaftliches Handeln zu steuern, gilt es, die Rahmenbedingungen dieser Handlungen zu ändern. Vielleicht hilft das ja schon.

Angesichts der Fehlentwicklungen in der Finanzwirtschaft etwa sagt Gerhard Minnameier: „Da ist die Moralität in entscheidender Weise gefragt: Wenn eine Branche 25 Prozent Rendite erwirtschaften will und spätestens seit der Finanzkrise weiß, dass das nicht geht, dann muss diese Branche Regeln aufstellt, die langfristig greifen und dafür sorgen, dass man sich nicht den Boden unter den Füßen wegzieht! Die Finanzwirtschaft muss ein Interesse haben, die realwirtschaftliche Grundlage zu erhalten, denn sie ist auf Wirtschaftswachstum angewiesen, damit die Staaten ihre Staatsschulden bedienen können… ein solches Engagement wäre der Schuldenverzicht. Die Finanzbranche muss an Regeln mitarbeiten, die negatives Spekulantentum verhindern und die Realwirtschaft sichern und auch nicht von anderen unterlaufen werden können. Das ist ein ethischer Anspruch an die Branche!“

Der Haken an der Sache ist allerdings die Voraussetzung, dass sich alle Konkurrenten auf diese Regeln verbindlich einigen müssen. Minnameier: „Andernfalls sind diejenigen, die sich aus moralischen Gründen Regeln auferlegen, von anderen ausbeutbar. Der Ausgleich muss aber innerhalb des Systems gelingen, es muss die richtige Balance zwischen Kooperation und Konkurrenz gefunden werden.“

Während der deutsche Professor also an die ökonomische Vernunft der Branche und den Konsens appelliert, glaubt sein französischer Kollege an die Konfrontation: „Stellen wir uns nicht oberlehrerhaft hin, um den Unternehmern, Angestellten und Wirtschaftsteilnehmern eine Lektion in Sachen Moral zu erteilen. Hoffen wir nicht darauf, die die privaten Tugenden das öffentliche Wohl erzeugen. Wenn wir warten, bis der Mensch gut ist, um die Pathologien des Systems zu beseitigen, sind wir noch weit vom Ziel entfernt. Ich glaube an die Tugend des politischen Konflikts. Nur durch politischen Druck lässt sich das lösen. Jeder ist frei, mit Gleichgesinnten eine Gruppe zu bilden, die an diesem politischen Konflikt teilnimmt. Aber nur das politische Kräftemessen bringt eine Lösung: Das Sozialrecht entstand im Widerspruch zur Logik des Vertrags, wo die Arbeiter schutzlos einer wirtschaftlichen Macht gegenüberstehen, die – weil anderswo Arbeitslosigkeit herrscht – alle Hebel in der Hand hat.“ Konsequent lautet seine Antwort auf die Frage, nach welchem Maßstab denn ein Unternehmen seinem Vorstandsvorsitzenden bezahlen solle: „Fragen Sie die Beschäftigten!“

Dagegen glaubt Minnameier statt an den politischen mehr an den „marktwirtschaftlichen Druck“ auf Produzenten und die Wirkung der Konkurrenz, um in die richtige Richtung zu steuern: „Wir produzieren heute zum Beispiel umweltschonendere Autos als früher.“ Aber er räumt ein: „Wir produzieren auch mehr Autos.“ Dasselbe gilt für Preise und Löhne: „Im modernen Kapitalismus gibt es keine Grundlage mehr für die Annahme eines gerechten Preises. Der Preis wird über marktliche Aushandlungsprozesse ermittelt Angebot und Nachfrage.

Auf Patrick Savidan antwortet Minnameier: „Das Problem ist, dass sich auf politischer Ebene Regeln nicht mehr so einfach durchsetzen lassen,  weil eben ein Land allein dasteht und seine Regeln von anderen Ländern unterlaufen werden können. Wir brauchen grenzüberschreitende Regelungen.  Die Unternehmen haben daher die Verantwortung, mitzugestalten: Alle müssen mitarbeiten an der Regeldurchsetzung, aber auch an der Regelgenerierung.“

Der Markt bestimmt, der Demokratie vergleichbar, was das Richtige ist: „Im Rahmen marktwirtschaftlicher Prozesse können mehr Informationen eingebracht werden als irgendwelche klugen Leute verarbeiten könnten. Das war die Überzeugung von F.A. v. Hayek. Hier hilft uns die Wirtschaft, Lösungen zu finden, die ethisch maximal und durchsetzbar sind. Denn es ist eben nicht so leicht herauszufinden, was eigentlich das ethisch Gewünschte ist. Solche Fragen müssen unter Berücksichtigung nicht nur der Moral des Unternehmers, sondern auch der Mitarbeiter und der Konsumenten beantwortet werden. Und das ist auch nicht nur eine politische Frage und nicht nur eine Sache der Politiker. Marktmechanismen können dazu beitragen, Probleme zu lösen, bei denen kein Konsens besteht. Wir haben in Europa – und erst recht nicht in der Welt – keine allgemein geteilte Vorstellung davon, was gut und sinnvoll ist. Was wir zum Beispiel für eine angemessene soziale Absicherung halten: Die einen hätten’s gern liberaler und freiheitlicher, die anderen etwas abgesicherter. Und wenn die Grünen sagen, der Benzinpreis müsste fünf Euros betragen, dann zucken viele zusammen. Die Lösung suchen wir in der Aushandlung von Verträgen. Zum Beispiel mit asiatischen Ländern: Wir wollen in diese Länder exportieren, wollen aber nicht, dass diese Länder unsere Wirtschaft mit Billigprodukten bedrohen. Ebenso müssen wir uns in der globalisierten Welt auf ethische Standards einigen und darüber, wie wir sie durchsetzen können. Solche Regelungen wären auch für die Finanzmärkte wünschenswert. Es müssen sich aber alle daran halten! Wenn wir uns auf gemeinsame Standards wie „Keine Kinderarbeit“ verständigen, möchten wir Kooperation und eine gemeinsame Verpflichtung, sodass dann nicht einzelne Betriebe ausscheren und andere benachteiligen. Denn solange „effizient“ gleich „kostengünstig“ ist, kann ein moralischer Anbieter unterboten werden von Konkurrenten, die günstiger sind. Dann wird er vom Markt verdrängt – es sei denn, es gelingt dem Unternehmer, Kapital aus seinem ethischen Engagement zu schlagen! Oder die Unternehmen holen die Konkurrenten mit ins Boot und treffen entsprechende Absprachen. Daraus ergibt sich die freiwillige Selbstverpflichtung einer Branche. Auch moralisches Verhalten muss sich für das Unternehmen irgendwie rentieren. Sonst wird er vom Markt verdrängt… und das ist ja auch nicht schlecht.  Denn so bestimmen wir, was wir letztlich wollen!

Ist ethisches Handeln in der Wirtschaft denkbar, solange gemeinsame Regeln fehlen? Ja, sagt Minnameier, aber auch ein scheinbar ganz und gar uneigennütziges Verhalten muss sich „unter dem Strich rechnen“: Der Gewinn des Biobauern, der auf hohe Einnahmen verzichtet, ist zwar kein materieller, aber eben ein ideeller. Und Patrick Savidan weist darauf hin, dass etwa Kooperativen schon immer anderen ethischen Grundsätzen folgten. In diesen Unternehmen sind  die Anteilseigner gleichzeitig Produzenten im Unternehmen, die Renditeerwartungen sind geringer sind, aber das Wohlbefinden bei der Arbeit ist höher: „Ich bin überzeugt, dass es in Unternehmen Platz für rein ethische Überlegungen gibt. Und sei es auch nur, um die Zufriedenheit bei der Arbeit zu verbessern.“

Hinter der Diskussion um Moral und Kapitalismus steht ein Menschenbild. Gerhard Minnameier glaubt: „Alle Menschen wollen sich ihre Vorteile und Monopolstellungen sichern. Das liegt ein Stück weit in der Natur des Menschen. Das geschieht einfach“. Patrick Savidan nuanciert: Die Vorstellung vom rein rational handelnden, berechnenden homo oeconomicus, dessen einziges Ziel die Gewinnmaximierung sei, habe man überwunden. Amartya Sen etwa zeige in seinen Arbeiten, dass die Ökonomie keine exakte Wissenschaft sei, sondern wie die sie tragenden Individuen auch dem Einfluss der Moral unterworfen. Und schliesslich führt Savidan auch den Konsumenten als moralisches Wirtschaftssubjekt ein: den Konsumenten. Durch Labels für soziale oder Umweltqualitäten könnten Kunden die entsprechenden Produkte identifizieren und ethische Gesichtspunkte in ihre Kaufentscheidung einbeziehen. Die Spannung zwischen Kapitalismus und Moral – die kann jeder im Supermarkt spüren.

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