Ist Wachstum für die Wertschöpfung in einer Wirtschaft nötig?

Welches Gesellschaftsmodell brauchen wir?

4 Kommentare »

  1. Karl Heinz Marschner:

    Die Gedanken der beiden Professoren Dominique Bourg und Niko Paech haben mir aus der Seele gesprochen. Ich möchte deshalb meine eigenen Überlegungen hinzufügen, die ich zur Gänze aus naturgesetzlichen Zusammenhängen entwickelt habe:

    Die Endlichkeit unseres Planeten erkennen und anerkennen

    Vor mehr als 40 Jahren wurde zum ersten Mal breiteren Bevölkerungsschichten bewusst, wie verletzlich der Planet Erde und wie begrenzt seine natürlichen Ressourcen sind. Die Diskussion wurde jedoch schon damals von den rechten, aber auch den linken Vertretern der herrschenden Wachstumsideologie sehr erfolgreich abgewürgt. Stattdessen versprach man, ab nun sollte es nur noch gesundes – heute sagt man nachhaltiges – Wachstum geben, der Umweltschutz wurde erfunden, etwas später kam dann noch die Effizienzrevolution hinzu.

    Seitdem hat sich die Situation dramatisch zugespitzt, eine Natur- bzw. Umweltkatastrophe jagt die nächste. Bei der Beseitigung der Schäden wird weitere Natur verbraucht, deren Selbstheilungskräfte längst überfordert sind. Die jüngsten Finanzkrisen beweisen, die technischen Zivilisationen sind zu teuer geworden. In vielen Ländern und Großstädten brauen sich bedenkliche Revolutionsgewitter zusammen.

    Dennoch verkünden unsere Politiker und Wirtschaftsführer weiterhin die beiden Dogmen, ohne die unser Wirtschaftssystem nicht funktionieren würde. Erstens: Wirtschaftswachstum ist nötig! Das mag für die derzeitige Ökonomie richtig sein, das will ich hier auch gar nicht diskutieren. Mir geht es hier um das zweite Dogma, welches lautet: Wirtschaftswachstum ist möglich! Davon konnte man zwar etliche Jahrzehnte lang ausgehen. Unter den heutigen Bedingungen ist diese Prämisse jedoch falsch, sehr falsch sogar, ihr fehlen nämlich die physikalischen Voraussetzungen, denn die Erde ist weder beliebig groß, noch ist sie beliebig manipulierbar.

    Warum nicht? Der wichtigste physikalische Hauptsatz lautet:
    Alle Prozesse, also auch alle technischen Prozesse sind mehr oder weniger irreversibel. Schäden, die man der Natur durch zuviel Technologie zugefügt hat, lassen sich nicht durch Einsatz von noch mehr Technik beseitigen. Jeder derartige Versuch führt unweigerlich zu noch mehr Naturverbrauch. All die tollen Umwelttechnologien bilden da keine Ausnahme.

    Derzeit sind es die sogenannten erneuerbaren Energien, die die Welt retten sollen. Dabei müsste Jedem bewusst sein, dass diese zu einem gewaltigen zusätzlichen Naturverbrauch führen werden. (Platzbedarf, Rohstoff- und Energieverbrauch beim Bau und beim Betrieb der dazu nötigen Anlagen). Bitte mich nicht misszuverstehen: Ich habe nichts gegen Wind- und Sonnenenergie, auch nichts gegen Wasserkraft. Da aber die Natur seit einigen Jahrzehnten heillos überfordert ist, wären diese neuen Technologien nur dann vertretbar, wenn der Naturverbrauch anderweitig kompensiert würde. Auch die Effizienzrevolution, von der man sich soviel erhofft, ist bislang nutzlos verpufft und wird weiterhin nutzlos verpuffen, solange sie nicht mit einem gewaltigen Renaturierungsprogramm verbunden wird.

    Der Menschheit ist es gelungen, nicht nur die Lebenserwartung zu steigern, sondern auch die Kindersterblichkeit zu senken. Warum sollte es nicht möglich sein, unser Reproduktionsverhalten anzupassen. Die Bewohner der Industrienationen sollten allerdings auch auf so manchen liebgewordenen Komfort verzichten, vor allem auf einen Großteil unserer derzeitigen absurden Mobilität. Dann nämlich könnten wir etliche Autobahnen zurückbauen, Aber auch viele Flugplätze, Parkplätze, Autorennbahnen, Schipisten, Golfplätze und Feriensiedlungen könnten in Wiesen, Felder und Wälder zurückverwandelt werden. Genau das geschieht aber nicht, ja daran darf bei uns nicht mal gedacht werden.

    Denn, was sagen die Ökonomen dazu: Die haben eine sehr einfache Antwort darauf, indem sie behaupten: Die Welt und die Natur mag endlich und begrenzt sein, der menschliche Geist ist es nicht. Er hat in der Vergangenheit alle Probleme gelöst, er wird dies auch in alle Zukunft tun. Daraus wird dann gefolgert, die Menschheit wäre geradezu verpflichtet, am Wachstumspfad festzuhalten. Überspitzt formuliert: Die Welt wird erst dann richtig schön sein, wenn die Natur komplett verdrängt und durch eine künstliche Umwelt ersetzt sein wird.

    Nur: Für die Richtigkeit dieser Behauptung gibt es nicht den Hauch eines Beweises. Daran festzuhalten ist somit eine verantwortungslose Spekulation, gegen die ist die Zockerei der gierigen Bänker harmloser Kinderkram. Wenn das Experiment schief geht, gibt es sicherlich weiterhin den Planet Erde, vermutlich auch noch eine gewisse Restnatur, von der eine neue Evolution ausgehen könnte. Doch Menschheit wird es dann keine mehr geben.

    K. H. Marschner, Düsseldorf

    Soweit mein Diskussionsbeitrag. Meine konkreten Fragen zum Thema lauten:

    Was passiert eigentlich bei den großen internationalen Konferenzen, wo sich die mächtigsten und gescheitesten Leute treffen:

    • Wird das Problem ganz einfach verdrängt? Ich habe inzwischen das ungute Gefühl, es wird tabuisiert.
    • Schiebt man das Problem mit der Endlichkeit unseres Planeten vor sich her, in der Hoffnung, der notwendige Bewusstseinswandel würde schon noch frühzeitig von selbst eintreten? Eine sehr trügerische Hoffnung, da uns die Probleme schon jetzt über den Kopf wachsen.
    • Bestehen die Eliten unserer Gesellschaft nur noch aus Ökonomen, die an die Unendlichkeit des menschlichen Geistes glauben? Wo doch die gleichen Leute noch immer so stolz darauf sind, den Glauben an einen Schöpfergott überwunden zu haben.
    • Oder hat man die Hoffnung auf ein Umdenken bereits aufgegeben, und bemüht sich nur noch darum, die Leute bei Laune zu halten, um wenigstens die letzten paar Jahre, die uns bis zum großen Zusammenbruch noch bleiben, in Ruhe genießen zu können?

  2. Odo Günther:

    Dass dieses Thema an einer Wirtschaftshochschule mit den Beiträgen, die ich mir angesehen habe diskutiert wird kommt mir etwas mager vor. Als erstes könnte man ja mal feststellen, dass Wirtschaftswachstum sehr wohl mit einem gleichzeitigen Rückgang beim Rohstoff- und Energieverbrauch einhergehen kann und dies auch tut. Diese Feststellung sollte doch bei Leuten, die von sich behaupten Wirtschaftswissenschaftler zu sein ganz am Anfang stehen. Jeder Amateur, wie ich es zum Beispiel bin, guckt doch als erstes im Fischer Weltalmanach oder bei google public data nach wie die Relationen aussehen. Und dort lässt sich feststellen, dass z. B. in Deutschland der Verbrauch wichtiger Rescoucen trotz wachsender Wirtschaft zurückgeht. Das bedeutet wertmässig wächst die Wirtschaft bei gleichzeitig rückläufigem Wasser, Energie- und Rohstoffverbrauch.

    Die Wirtschaften in Deutschland und Europa schrumpfen jedoch nicht aus ökonomischer Notwendigkeit sondern weil die Wettbewerbsfähigkeit futsch ist.

  3. Mir haben die Ausführungen von Niko Paech sehr gut gefallen. Auch mir gibt die Transition Towns Bewegung viel Anlass zur Hoffnung. Jeder sollte weniger arbeiten und mehr Zeit in Nachbarschaften und Nahrungsmittelproduktion investieren. Wir bauen gerade mit monatlichen Filmabenden solche Nachbarschaften in Berlin auf. Wer Interesse hat, meldet sich gern bei mir.

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