Multikulturalismus & Glück – Luc Gruson und Dr. Stefan Luft in Bremen – Protokoll von Johannes Wetzel

Eine Debatte über „Multikulturalismus und Glück“, über „Formen des interkulturellen Dialogs für die Gesellschaft von morgen“, und das in einer Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Wachstum und /oder Glück“ – da müssen viele Begriffe geklärt und verknüpft werden. Bremen ist jedenfalls ein guter Ort, über „Multikulti“ zu sprechen: Jeder dritte Bremer hat einen „Migrationshintergrund“. Das Institut français griff die in der Stadt offenkundige Thematik in einer Veranstaltungsreihe unter dem Titel „zuhause.anderswo“ auf, die sich bis zum 12. September mit dem Thema beschäftigt.

 

Zu Recht wollte Luc Gruson, Direktor der Cité nationale de l’histoire de l’immigration (Museum für Geschichte der Migration, Paris), gleich ein mögliches Missverständnis ausräumen, aus dem sich eine diskriminierende Betrachtungsweise ergeben könnte: dass es eine Immigration gebe, die die aufnehmenden Gesellschaften glücklicher, und eine andere, die sie unglücklicher macht. Wahr ist dagegen: Migration erzeugt fast zwangsläufig Spannungen. Spannungen aber machen, wie Stefan Luft, Privatdozent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bremen, festhielt, zunächst nicht glücklich. Wenn es gelingt, sie auszuhalten, aufzulösen oder als Bereicherung zu erfahren, kann daraus aber sehr wohl  etwas mehr Glück in einer Gesellschaft entstehen.

 

Wie das geschehen könnte, dafür bieten Deutschland und Frankreich zwei historisch gewachsene unterschiedliche Integrationsmodelle. Dem „Multikulturalismus“, der lange in Deutschland, aber auch in Staaten wie den Niederlanden und Großbritannien praktiziert wurde, steht in Frankreich der „Interkulturalismus“ gegenüber. Damit sind die beiden zentralen Begriffe der Debatte genannt.

 

In Deutschland wie in Frankreich hat ein Fünftel der Bevölkerung einen „Migrationshintergrund“. Gemeint sind damit Menschen, die selbst oder deren Eltern im Ausland geboren wurden. In Frankreich kommen vierzig Prozent davon aus Portugal, in Deutschland sind die Spätaussiedler aus Russland die größte Migrantengruppe. In der Bundesrepublik ebenso wie in den Niederlanden oder in Großbritannien haben führende Politiker den „Abschied von Multikulti“ schon vollzogen, den Stefan Luft in seinem gleichnamigen Buch beschreibt und wünscht. Der Multikulturalismus betont, dass Migranten eine Gruppe mit bestimmter Herkunft und besonderer Identität bilden. Die Betonung der Differenzen verschärfe aber die Probleme, sagt Stefan Luft. „Ich plädiere dafür, sich stärker auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren.“ Denn die Betonung unterschiedlicher Gruppenidentitäten und Herkunftskulturen verringere den Druck, sich anzupassen und behindere die strukturelle Integration. Länder, die „geringe Anpassungsleistungen fordern und zugleich einen großzügigen Wohlfahrtsstaat bieten“, hätten leider schlechtere Ergebnisse bei der Integration im Bildungswesen, auf dem Arbeitsmarkt und auch in der Kriminalstatistik als solche, die weniger großzügig sind. „Fördern und fordern“ gehören zusammen. Dabei darf allerdings von einem Einwanderer, abgesehen vom Spracherwerb, nicht mehr gefordert werden als von jedem Einheimischen, nämlich Verfassungs- und Gesetzestreue. Ein Bekenntnis zu darüber hinausgehenden „Werten“ zu erwarten ist nicht legitim.

 

Einig sind sich Stefan Luft und Luc Gruson darin, dass die Zuordnung des Individuums zu einer Gruppe immer eine Verfälschung ist. Gerade im Zusammenhang der Migration verändern sich Identitäten und Kulturen ständig. „Und deswegen hat es keinen Sinn, jemandem mit türkischen Eltern das Label aufzudrücken ‚einmal Türke, immer Türke’“, sagt Stefan Luft. „Damit betreibt man das Geschäft der Patronagestaaten, des Herr Erdogan zum Beispiel, der seinen Landsleuten in Deutschland mitteilt, dass sie Türken sind und bleiben mögen.“

 

Da scheint das französische interkulturelle Modell durchaus zukunftsträchtiger zu sein. Während Deutschland seine Politik auf eine föderale Tradition und seine Geschichte als Auswandererland aufbaut, stützt sich Frankreich auf seine Geschichte als Einwandererland und jahrhundertealten „melting pot“ sowie auf den überlieferten Republikbegriff. Die Republik (und lange Zeit auch die offizielle Statistik) will weder die diversen Religionszugehörigkeiten noch die Unterschiede der Herkunft zur Kenntnis nehmen. Sie kennt nur gleiche Bürger, keine ethnisch-kulturellen Gruppen. Verfassung, Staatsangehörigkeitsrecht und Nationalstaatsgedanke können als Belege herangezogen werden. Der Schule vor allem, so erklärt Luc Gruson, war die Aufgabe übertragen, den Franzosen unterschiedlicher Herkunft die gemeinsamen Werte (und die gemeinsame Sprache) einzupflanzen. Um diesen nicht verhandelbaren Kern herum soll der interkulturelle Austausch zwischen Einheimischen und Zuwanderern gefördert werden, der, statt die Unterschiede zu betonen, Gemeinsamkeiten herstellt. Das „Musée national de l’histoire et des cultures de l’immigation“ im Rahmen der „Cité nationale de l’histoire de l’immigration“ stellt diesen Anspruch dar: Ein Museum ist der Ort, an dem das kollektive Erbe aufbewahrt wird. Und genau diese Gemeinsame aller in Frankreich Lebenden, gleich welcher Herkunft, soll hier zusammengetragen werden.

 

Soweit die französische Theorie. Seit den gewaltsamen Unruhen in den Pariser Vorstädten weiß man aber auch außerhalb Frankreichs, dass die Praxis die Versprechen des interkulturellen Modells nicht einhält. Mit ihrer Enttäuschung sind die Migranten allerdings nicht allein. Die gesamte westliche Gesellschaft muss derzeit von der Hoffnung Abschied nehmen, dass sozialer Aufstieg und mehr Wohlstand immer noch möglich sind. Die Migranten sind nur das erste Opfer der für alle schlechten Aussichten.

 

Gelungene Integration bedeutet:  Die geographische Verteilung der Migranten, ihre Verteilung im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt soll sich der Verteilung der Einheimischen annähern. In Frankreich wie in Deutschland aber werden Migranten in die Wohnquartiere abgeschoben, die von den einheimischen Unterschichten bewohnt sind. Gerade die sind mit den neuen Nachbarn oft überfordert. Diese räumliche Ausgrenzung ist das sichtbarste Zeichen der Diskriminierung, und sie wird, wenn sie schließlich zu „ethnischen Kolonien“ (Stefan Luft) führt, auf vielfache Weise zu einem Integrationshindernis. Dort wachsen auch die aus der Heimat importierten Konflikte, namentlich der religiöse Fundamentalismus. Und dort zeigt sich auch, dass die europäischen Werte an selbstverständlicher Attraktivität verloren haben, weil die Europäer – so vermutet Luc Gruson – ihr Modell selbst nicht mehr überzeugt verteidigen. Solange der „interkulturelle Dialog“ nicht wirklich als „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ wahrgenommen wird, wie Stefan Luft fordert, solange zum Beispiel nicht eine gerechtere Verteilung von Schülern mit Migrationshintergrund erreicht ist, sehen die Dialogteilnehmer wenig Anlass zu Spekulationen über neue Formen dieses Austauschs. Die Sparzwänge bei den Ländern treffen aufgrund der Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern die Bereiche, die relevant sind für Integration: Bildung, Kultur und innere Sicherheit.

 

Könnte eine Gesellschaft neue Lösungen für die Immigrations- und Integrationspolitik bieten, die etwa den Anregungen der noch von Staatspräsident Sarkozy einberufenen Stiglitz-Kommission folgt und sich nicht mehr nur am Wachstum des Bruttoinlandsprodukts orientiert? Sicher war das Wachstumsstreben der Wirtschaft die entscheidende Kraft, die die Immigration nach Europa in Gang setzte, etwa über den Kolonialismus – er wurde einst im „Musée des colonies“ gefeiert, das heute vom „Musée national de l’immigration“ genutzt wird –  oder über die Anwerbeabkommen in den Zeiten der „Trente Glorieuses“ oder des deutschen „Wirtschaftswunders“ oder über die Globalsierung. Eine weltweit gerechtere Verteilung des so erzeugten Wohlstands würde zweifellos internationale Spannungen und den Migrationsdruck abbauen, seine gerechtere Verteilung im nationalen Rahmen würde die Spannungen im Inneren verringern und die Integration fördern. Und mit wachsender Gerechtigkeit, so sagen die Glücksforscher, wächst auch das individuelle Wohlbefinden aller Bürger in ihrem Staat.

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