Rebecca Harms und Dominique Olivier in Wolfsburg: Protokoll von Petra Pinzler

Eine deutsche Grüne und ein französischer Gewerkschafter? Da passt auf den ersten Blick wenig zueinander. Die Grüne nimmt doch im Zweifel Umweltprobleme wichtiger als soziale Fragen. Und der Gewerkschafter kämpft für Arbeitsplätze und will mehr Lohn für seine Kollegen, kommt es hart auf hart, auch zu Lasten der Umwelt. So zumindest lauten die Klischees.

An diesem Abend sollten sie nicht stimmen. Denn das Gespräch zwischen der deutschen Europaabgeordneten Rebecca Harms und dem französischen Gewerkschaftsfunktionär Dominique Olivier wurden nicht nur erstaunlich harmonisch, die beiden fanden auch überraschende Übereinstimmung an ganz unerwarteten Punkten. Über „Wachstum und Ökologie“ sollten die Deutsche und der Franzose in Wolfsburg diskutieren und damit in der Stadt, die rund um den Automobilkonzern VW gewachsen ist. Kaum ein anderer Ort böte sich besser an, um die Konflikte zwischen Ökonomie und Ökologie zu symbolisieren. Denn das Auto, das Wolfsburg einst reich gemacht hat, beschleunigt ja zugleich den Klimawandel, der uns am irgendwann alle ärmer machen könnte. Wo, wenn nicht hier, wird die Industriegesellschaft beweisen müssen, dass sie grün werden kann, ohne die Anliegen der Arbeiterbewegung zu vergessen?

„Ich bin in der Gewerkschaft“, stellte Harms gleich zu Beginn des Gespräches klar. Dominique Olivier zog nach und sagte, er sei schon lange ein Grüner. Warum, erklärte der Gewerkschafter folgendermaßen: Schon vor vielen Jahren sei er aus sozialen Gründen zum Umweltschützer geworden. Die Armen litten schließlich am meisten unter einer kaputten Umwelt. Werde dem industriellen Wachstum die Natur komplett untergeordnete, würden das immer zuerst die weniger Privilegierten einer Gesellschaft spüren. Sie lebten schließlich in den schlechten Gegenden mit der schlechten Luft, dem verschmutzen Wasser und den kaputten Böden. Eine kluge Umweltpolitik sei also kein Widerspruch zu einer guten Sozialpolitik. Richtig sei das Gegenteil. „Eine grüne Wirtschaft, die nicht für das Menschliche, für weniger Ungleichheit und für mehr sozialen Schutz eintritt, ist nicht akzeptabel.“

Aus genau diesem Grund steht Olivier auch der Formel „Wachstum = Wohlstand“ kritisch gegenüber: Ein Wirtschaftswachstum, das nicht zugleich zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter führe, sei nicht nur nutzlos. Es könne sogar schädlich sein. Dem konnte die Grüne nur zustimmen – im Abstrakten und im Konkreten. Sie sei nicht grundsätzlich gegen Wirtschaftswachstum, sagte Rebekka Harms. Aber man müsse schon sehr genau prüfen, welches Wachstum man konkret wolle. Theoretisch ist dem leicht zuzustimmen. Aber was bedeutet das praktisch? In Wolfsburg denkt man im Nu an „das Auto“, und man muss nachfragen: Können Grüne ein Wachstum der Autoindustrie vertreten?

Rebekka Harms zierte sich bei der Antwort nicht: Es werde wahrscheinlich einmal weniger Autos geben, sagte sie, und erinnerte mit diesen Worten an ihren Parteikollegen Winfried Kretschmann. Als der baden-württembergische Ministerpräsident zu Beginn seiner Amtszeit einmal davon sprach, es könne irgendwann vielleicht auch einmal weniger Autos geben, erntete er jede Menge Protest. Harms blieb ganz gelassen und argumentierte so: Es werde schlicht nicht möglich sein, die Welt nach europäischem Modell zu motorisieren.

Dem konnte Olivier nur zustimmen und sah darin zugleich eine große Chance für Deutschland und Frankreich. Schließlich würden für den umweltgerechten Umbau der Wirtschaft in Zukunft viele gute Ingenieure gebraucht. Ergo könne eine grüne Wirtschaft in Europa viele gute Jobs schaffen.

Überhaupt zeigte der Abend, wie interessant die Wachstumsdebatte durch Konkretisierung wird. Auf die Frage, ob sich Arbeiter ein grünes Leben überhaupt leisten wollen, antwortete Olivier ganz lakonisch: Sicher sei auch Arbeitern ein kostengünstiger, neuer Ökokühlschrank lieber als ein alter, teuer Stromfresser. Damit er sich den aber leisten könne, müsse der Staat helfen: Wobei wir wieder bei der Sozialpolitik wären. Und sogar für den deutschen Ausstieg aus der Atomenergie und den Umbau zu einer umweltfreundlichen Stromversorgung fand er sozialpolitische Argumente. Olivier lobte das Projekt. Seine Gewerkschaft steht der Atomkraft schon seit Jahrzehnten ablehnend gegenüber, aus sozialen Gründen. Denn in Frankreich arbeiten gerade in den Kraftwerken viele schlecht bezahlte Leiharbeiter, die Branche hat wegen ihrer Arbeitsbedingungen einen sehr schlechten Ruf. Olivier erzählte daher auch mit einem erfreuten Lächeln, dass inzwischen auch in Frankreich ein Umdenken beginne und damit möglicherweise der Beginn einer umweltfreundlicheren Energiewirtschaft.

Das Fazit? Grünes und soziales Denken waren an diesem Abend kein Widerspruch. Im Gegenteil.

 

Petra Pinzler

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