Wider den Wachstumswahn – Protokoll von Petra Pinzler

Zwei unkonventionelle Denker wollen Wirtschaft und Gesellschaft umbauen

In einer Sache ist sich Dominique Bourg ganz sicher. Er wird kein Wahlkampfberater. Auf die Frage, was für ein Programm er den französischen Präsidentschaftskandidaten empfehlen würde, lacht der französische Professor aus dem schweizerischen Lausanne herzlich amüsiert und sagt dann: „Dazu eigne ich mich nicht.“ Ein erfolgreiches Wahlkampfprogramm lasse sich aus seiner Analyse der Weltlage sicher nicht entwickeln. Dazu müssten die Konsequenzen viel zu drastisch sein, müsse gegen zu viele Gewohnheiten verstoßen werden. Viel zu sehr hätte die Politik die Bürger an materielle Geschenke gewöhnt. Dabei gibt es, so ist sich Bourg sicher, nur noch wenig zu verschenken, haben wir die globalen Ressourcen doch bereits über Gebühr ausgebeutet. Nach dieser Erklärung schweigt Bourg kurz und betreten und fügt mit einem erleichterten Seufzer hinzu: „Glücklicherweise muss ich keine Wahlen gewinnen.“ Aufgabe und Vorrecht von Wissenschaftlern sei etwas anderes: Unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

Unbequemes wurde an diesem Abend in der Berliner Hochschule für Recht und Wirtschaft Berlin tatsächlich debattiert – und zwar auf höchst inspirierende Weise. Die Bertelsmann-Stiftung und das Institut Français hatten für den zweiten Teil ihrer deutsch-französischen Debatten-Serie über „Wachstum/Wohlstand?“ zwei unkonventionelle Wissenschaftler eingeladen: Zum einen den Franzosen Dominique Bourg von der Universität Lausanne. Der Philosoph sucht seit langem schon Antworten auf die Frage, was Nationen für ihre Entwicklung wirklich brauchen und wie sie die Umwelt nachhaltig nutzen können.

Und zum anderen Niko Paech von der Universität Oldenburg. Der Ökonom ist Vorsitzender des Vereins für ökologische Wirtschaftsforschung und gilt in Deutschland als der Vordenker einer „Postwachstumsgesellschaft“. Sowohl Paech als auch Bourg sind den meisten konventionellen Ökonomen wohl eher suspekt. Schließlich gilt als eines der unverrückbaren Dogmen dieser Zunft, dass das Wachstum der Wirtschaft gut ist und am besten immer weiter steigen sollte. Paech und Bourg aber denken gleich aus mehreren Gründen anders als der Mainstream.

Beide Wissenschaftler sind überzeugt, dass Wachstum (gemessen am Bruttoinlandsprodukt, BIP) nicht mehr zu reicheren Gesellschaft und zu mehr Lebensqualität der Bürger führt. Im Gegenteil: Beide halten unsere Hoffnung auf mehr Wohlstand durch eine Steigerung des BIPs für höchst zweifelhaft. Beide sorgen sich zudem, dass die ökologischen Grenzen des ökonomischen Booms längst erreicht sind, doch wir die Folgen bloß noch nicht deutlich genug spüren. Schließlich lasse sich immer klarer belegen: Unsere Wachstumswirtschaft schädigt die Umwelt irreparabel. Sie zerstört also exakt die Grundlagen, von denen sie lebt.

„Wachstum und/oder Nachhaltigkeit?“, hatten die Veranstalter zu Beginn des Abends gefragt. Beide Wissenschaftler beantworteten diese Frage klar mit einer Entscheidung für das „oder“. Denn sie sind sicher: Wachstum und Nachhaltigkeit widersprechen sich. Auch die Versuche, die unerwünschten Effekte unseres Wirtschaftens durch „grünes“ Wachstum zu heilen, halten die Wissenschaftler für wenig erfolgreich.

Dabei ist ihre Analyse so brutal wie überzeugen. Bourg belegte sie mit einem einzigen Schaubild: In den vergangenen Jahrzehnten war der Boom vieler Volkswirtschaften mit einem bis dato unvorstellbaren Mehrverbrauch an Rohstoffen und Energie verbunden. Alle Kurven (die für den Verbrauch von Öl, Kohle, Gas usw.) schnellen seit Ende des Zweiten Weltkrieges in rasanter Weise nach oben. Irgendwann aber wird noch mehr Ausbeutung in einer endlichen Welt schlicht nicht mehr funktionieren. Rohstoffe werden so teuer werden, dass das wiederum automatisch das Wachstum bremsen wird. Wenn wir diese Entwicklung allerdings nicht frühzeitig managen, drohe, so Paech, ein immer brutalerer Wettlauf um die Ressourcen. Schon deswegen sei es für jede vorausschauende Gesellschaft gut, über einen geringeren Verbrauch, lokalere Zulieferer und regionale Wertschöpfungsketten nachzudenken.

Zu viel Einigkeit in einer Debatte kann schnell langweilig werden. Die beiden Professoren aber waren das mitnichten, eher inspirierten sie sich gegenseitig durch die Radikalität ihrer Analyse. Dabei ist ihnen durchaus klar, was die Politik tun müsste, hörte sie denn einmal zu: Sie müsste alle gängigen Regierungsprogramme umschreiben und dazu die wirtschaftspolitischen Ziele der tonangebenden Parteien. Bisher nämlich überbieten diese sich ja gerade darin, den Bürgern „mehr“ zu versprechen. Alle betrachten zudem Wachstum als Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems. Selbst Umweltprobleme, so der gängige Konsens, lassen sich am besten durch Wirtschaftswachstum bewältigen. Denn nur dann, so der Glaube, können die nötigen Innovationen und Umweltschutzprogramme finanziert werden. Bourg und Paech widersprechen auch dieser These vehement. Effizienz und neue Technologie allein werden nicht reichen, so die beiden Wissenschaftler. Sie fordern auch „Suffizienz“, also mehr Genügsamkeit der Bürger und der Gesellschaften.

Ob sie denn irgendwo einen Hoffnungsschimmer dafür sähen, dass die Menschheit all das begreife, fragte eine Zuhörerin die beiden Professoren am Ende der vielen, schonungslosen Analysen. In die Politik setze er nicht viel Hoffnung, antwortete Nico Peach. Doch nach einer Pause fügt er dann hinzu: Es bewege sich doch etwas, und zwar im Lokalen: In den Städten, die von ihren Bürger zu „transition towns“ umgebaut werden, um das Leben und Produzieren weniger umweltschädlich werden zu lassen. Im „urban gardening“, den Stadtgärten, die überall auf der Welt eröffnet werden. In Bewegungen, die die Wirtschaftskreisläufe nicht globalisieren, sondern lokalisieren wollen. Aus solchen Alternativen wüchse auch die Kraft, die Wachstumswirtschaft zu begrenzen. Denn wenn die groß genug würden, müsse am Ende auch die Politik reagieren.

Und dann vielleicht doch Dominique Bourg zum Präsidentschaftsberater machen?

 

Petra Pinzler

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